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Corona stellt viele Fragen. Sachbücher geben Antworten.

Corona stellt viele Fragen. Sachbücher geben Antworten.

Tipps von Blogger*innen und Bookstagrammer*innen

Die Corona-Pandemie hat viele drängende Probleme in unserer Gesellschaft verschärft und sichtbarer gemacht. Wir haben Blogger*innen und Bookstagrammer*innen nach Sachbuch-Empfehlungen gefragt, die sich mit diesen Themen beschäftigen, Debatten beleuchten und weiterbringen. Dabei sind tolle Empfehlungen zusammengekommen. Neugierig geworden? Die nächste Buchhandlung können Sie im Buchhandelsfinder suchen.

Sandro Abbate, Novelero

Journalistin Julia Fritzsche plädiert in ihrem bei der Edition Nautilus erschienenen Buch „Tiefrot und radikal bunt” für eine neue linke Erzählung. Ein Großteil der Anstrengungen innerhalb der Linken drehe sich, so die Autorin, um Minderheitenrechte, was natürlich gerechtfertigt und wichtig ist. Sie fordert jedoch, dieses Element mit der sozialen Frage zu einer neuen, linken Erzählung zu verbinden, ohne dabei Rückschritte bei Errungenschaften in Sachen Diversity zu machen.

Julia Fritzsche begleitet in ihrem Buch mehrere Menschen im Alltag, so zum Beispiel Streikende an der Berliner Charité oder Flüchtlingshelfer*innen. Dort findet sie kleine Geschichten und Erzählungen, die aufzeigen, dass ein besseres Leben möglich ist, dass Leben und Arbeit sich an den Bedürfnissen der Menschen orientieren sollte, nicht an der Verwertbarkeit des Menschen. Viel zu viele Lebensbereiche sind bereits einer kapitalistischen Logik untergeordnet. Sie bearbeitet dabei die Themen Pflege bzw. Gesundheit, Ökologie, Wohnen, Migration und Queerness. Und sie stellt die Forderung, dass Klassenfrage („tiefrot”) und Minderheitenschutz („radikal bunt”) zusammen gedacht werden müssen, statt sie gegeneinander auszuspielen. All diese Erfahrungen aus sozialen und kulturellen Kämpfen gilt es, zu einer Art Meta-Erzählung zusammenzuweben. Zu einer neuen linken Erzählung, die das Potenzial hat, die Welt zu verändern.

Fritzsche ist auf einer Suche nach Möglichkeiten, um die Welt zum Besseren zu verändern. Und dies, indem alle Menschen mit ins Boot geholt werden, eine gemeinsam Vision – oder nennen wir es ruhig eine Utopie – geschaffen wird. Ein Bild von einer Zukunft, für die es sich zu kämpfen lohnt. Um dieses Bild Realität werden zu lassen, sind natürlich neue linke Mehrheiten notwendig. Diese zu erreichen, wird kein einfacher Weg.

Sandro Abbate bloggt auf Novelero und ist auf Instagram, Twitter und Facebook zu finden.


Juliane Noßack und Stefan Diezmann, Poesierausch

Juliane Noßack empfiehlt drei Bücher zum Thema Feminismus:

  • »We are Feminists« aus dem Prestel-Verlag. Kurz und knapp wird die historische Entwicklung des Feminismus nachgezeichnet – ein toller Einstieg in das Thema.
  • »Untenrum frei« von Margarete Stokowski (Rowohlt Verlag). Augenöffnend und mit vielen Beispielen aus dem Alltag einer Frau.
  • »Warum ich keine Feministin bin« von Jessa Crispin (Suhrkamp Verlag). In ihrer Streitschrift prangert die Autorin den Mainstream-Feminismus an und fordert, dass wir wieder radikaler werden müssen – eine Lektüre für Fortgeschrittene.

Stefan Diezmann empfiehlt drei Bücher zum Thema Verschwörungstheorien:

  • »Nichts ist wie es scheint« von Michael Butter (Suhrkamp Verlag). Eine wissenschaftliche Annäherung mit Tiefgang, sehr zu empfehlen.
  • »Angela Merkel ist Hitlers Tochter« von Christian Alt und Christian Schiffer (Hanser). Eher eine Reportage mit eingestreuten Fakten. Der deutlich leichtere Zugang zum Thema.
  • »Verschwörungsmythen« von Holm Gero Hümmler (Hirzel Verlag). Ein reines Debunking-Buch, das erklärt, warum Verschwörungstheorien meist keine Theorien sind und wie ihre Argumente wissenschaftlich widerlegt werden können. Special, aber sehr erhellend.

Zur Video-Rezension

Juliane Noßack und Stefan Diezmann bloggen auf Poesierausch und sind auf Instagram, Facebook und Twitter zu finden.


Miriam Zeh

Die Pandemie hat den Zusammenhang von Arbeit und Entlohnung in unserer Gesellschaft infrage gestellt. Warum verdient der Hedgefonds-Manager mehr als die Altenpflegerin und die Germanistikprofessorin mehr als der Polizist? Oder anders gefragt: Warum spiegelt ein Gehalt so selten den Mehrwert einer Arbeit für andere wider?

In den letzten Jahren wurden Arbeit und Leistung oftmals extrem individualistisch gedacht. Unternehmer wie Larry Page, Mark Zuckerberg oder Jeff Bezos werden als einsame Genies gefeiert. Ihre Ideen verändern die Welt. Abgewertet werden dagegen alle Form der Arbeit, die nicht mit Disruption, sondern mit Aufrechterhaltung bestehender Abläufe zu tun haben. Alle Arbeit, die nötig ist, damit die Genies überhaupt an ihren Projekten herumtüfteln können: von Lebensmittel-Lieferant*innen über die Arbeiter*innen im Straßenbau bis hin zu öffentlichen Behörden. Genies machen die Arbeit der anderen unsichtbar.

Dabei ist Arbeit immer eine Gemeinschaftsleistung. Sie bringt uns miteinander in Kontakt und bietet Gelegenheit, sich gesellschaftlich zu integrieren. Zwei Bücher behandeln diese Sozialität menschlicher Arbeit: Die Historikerin Nina Verheyen zeichnet in ihrem 2018 erschienen Buch „Die Erfindung der Leistung“ (Carl Hanser Verlag) spannend und anschaulich die Karriere eines Begriffs. Einerseits blendet ein konventionelles Leistungsverständnis die Arbeit der anderen aus, misst den verwertbaren Output eines Menschen. Andererseits macht Leistungsmessung soziale Hierarchien erst durchlässiger für Bildungsaufsteiger.

Eine alternative Arbeitsgesellschaft, die den sozialen Aspekt von Arbeit in den Vordergrund stellt, zeigt die Philosophin Lisa Herzog in ihrem Manifest „Die Rettung der Arbeit“ (Carl Hanser Verlag, 2019). Zusammenarbeit spinnt ein Band zwischen Menschen, am Arbeitsplatz sowie über Raum und Zeit hinweg. Was ich heute tue, ist durch die Arbeit anderer erst möglich geworden - und ermöglicht die Arbeit unzähliger, jetzt und in Zukunft.

Mehr Texte und Videos von Miriam Zeh findet man auf Twitter und Instagram.


Alexandra Koch, The Read Pack

Der Deutsche Sachbuchpreis wird 2020 aufgrund des Coronavirus nicht vergeben. Eigentlich sind Sachbücher aber gerade in dieser Zeit besonders wichtig. Weil sie uns das nötige Rüstzeug geben, um im gesellschaftlichen Diskurs informiert mitwirken zu können, und/oder weil sie uns persönlich weiterbilden. Deswegen gibt’s heute ein paar Sachbuchtipps von mir. :)

Ich habe hier schon häufiger Bücher über Feminismus, Populismus und Diskussionskultur vorgestellt. Was mich darüber hinaus aber besonders beschäftigt, sind Bücher rund ums Schreiben und verschiedene Textformen. Der Klassiker „Deutsch für Profis“ von Wolf Schneider (erschienen beim Goldmann Verlag, und das geupdatete „Deutsch für junge Profis“, Rowohlt Verlag) helfen journalistische Texte besser zu verstehen und einzuordnen, aber auch selbst stilistisch bessere Texte verfassen. Die kurzen „Wegweiser Journalismus“ (UVK) gibt es zu vielen Themen, besonders begeistert hat mich „Interviews führen“. Weil es erklärt, wie wir die richtigen Fragen stellen, um herauszufinden was dem gegenüber am Herzen liegt. „Texten können“ und „Tell me!“ (Rheinwerk Verlag) enthalten Werkzeuge, die helfen das Ziel eines Textes zu hinterfragen. Dadurch können wir lernen zu verstehen, wie bzw. warum er funktioniert. Und „Schreiben dicht am Leben“ (und die anderen Schreibtools von Duden) gibt den Impuls es einfach mal auszuprobieren, sich selbst ans Schreiben zu wagen. Auf seine Art hat mich jedes Buch weitergebracht und motiviert.

Alexandra Koch bloggt auf The Read Pack und ist auf Instagram und Twitter zu finden.


Linus Giese, Buzzaldrins Bücher

Die Corona-Pandemie hat mein eigenes Leseverhalten nicht unbedingt verändert, aber zumindest doch ein wenig beeinflusst: ich habe in den letzten Wochen und Monaten vermehrt Bücher gelesen, die mir dabei geholfen haben, mich selbst und das Leben besser zu verstehen. Ich greife dann am liebsten zu erzählenden Sachbüchern: Eines dieser Bücher war „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ von Lori Gottlieb (hanserblau). Lori Gottlieb arbeitet als Psychotherapeutin und nimmt uns in ihrem Buch mit in ihre eigene therapeutische Praxis: sie erzählt von ausgewählten Fallgeschichten (da gibt es z. B. den Drehbuchschreiber John, der nur widerwillig zu ihr geht und sich mitten in den Sitzungen gerne Essen beim Lieferdienst bestellt), aber auch davon, dass sie sich selbst therapeutische Hilfe suchte, als ihr eigenes Leben auseinanderbrach. Von wie vielen Menschen ist das Leben in den letzten Wochen und Monaten wohl auch auseinandergebrochen? Wie viele von ihnen haben Angehörige verloren? Oder berufliche Perspektiven? Lori Gottlieb zeigt in ihrem Buch auf, dass sich niemand dafür schämen muss, sich in bestimmten Lebenssituationen Hilfe zu suchen und sie zeigt auf, wie Therapeut*innen arbeiten. Das zentrale Thema des Buches ist die Frage, was eine gute Therapie ausmacht - Lori Gottlieb beantwortet diese Frage mit vielen persönlichen Erlebnissen, aber auch mit fundierten Informationen. „Vielleicht solltest du mal mit jemandem darüber reden“ ist eine tolle Mischung aus Sachbuch und Erfahrungsbericht und eine große Leseempfehlung für all diejenigen, die vielleicht gerade auch auf der Suche nach Hilfe und Unterstützung sind.

Linus Giese bloggt auf Buzzaldrins Bücher und ist auf Instagram, Twitter und Facebook zu finden.


Chidera Nitsche, @eine.schwarze.liest.buecher

Chidera Nitsche empfiehlt „Identitäten. Die Fiktionen der Zugehörigkeit“ von Kwame Anthony Appiah (Hanser Berlin):

„Die durch die Corona-Pandemie hervorgerufene Isolation hat vielen von uns die Möglichkeit gegeben, in sich zu gehen, um zu fragen: Wer bin ich eigentlich ohne meine Freunde? Wer bin ich ohne meine Familie? Wer bin ich? Das sind Fragen, die sich mir persönlich durch mein ganzes Leben ziehen. Denn bereits in frühster Kindheit wurde mir gesagt, wer ich nicht bin.“

Zur Video-Rezension

Mehr Rezensionen und Texte von Chidera Nitsche sind auf Instagram zu finden.


Emilia von Senger, She said

Das Gender Pay Gap kennen mittlerweile alle, aber kennt ihr auch das Gender Data Gap? Viel weniger bekannt, ist es doch nicht weniger problematisch, ja in manchen Fällen sogar lebensbedrohlich.

Datenanalysen und darauf aufbauende Forschungen, Konstruktionen etc. beruhen sehr häufig auf Daten von Männern. Das führt dazu, dass unsere Welt nicht für Frauen gedacht und gemacht ist. Manchmal ist das einfach nervig, zum Beispiel bei zu kalten Temperaturen in Großraumbüros oder der Größe von Smartphones, die für große Hände gemacht sind. Aber wenn es zum Beispiel um Dosen von Medikamenten oder Sicherheitsvorkehrungen im Auto geht, kann das Gender Data Gap viel schlimmere Folgen haben.

In einer Welt, die immer stärker auf Daten und vor Allen den sogenannten Big Data basiert, wird dies immer problematischer. Künstliche Intelligenz übernimmt schon jetzt viele Aufgaben, ihre Berechnungen beruhen aber auf fehlerhaften Daten. Höchste Zeit also für ein Umdenken und ein solches aufklärerisches Buch.

Die britische Journalistin und feministische Aktivistin Caroline Criado-Perez hat in „Unsichtbare Frauen“ (btb Verlag) eine beeindruckende Sammlung an Fallbeispielen für den Gender Data Gap zusammengetragen. Vom Alltagsleben über den Arbeitsplatz bis hin zum Arztbesuch: sie widmet sich unterschiedlichen Feldern und findet immer wieder das Gleiche: eine für Männer gedachte und gebaute Welt. Dies könne sich nur ändern, wenn Männer sich nicht mehr als „geschlechterneutral“, als Norm für alle anderen begreifen. Criado Perez sagt, die Datenlücke sei „sowohl Grund als auch Folge eines Nicht-Denkens, das sich die Menschheit als fast ausschließlich männlich vorstellt.“

Übrigens, die Datenerhebung schließt nicht nur Frauen aus, sondern auch Schwarze Menschen. Die Norm ist eben nicht nur ein Mann, sondern ein weißer Mann.

Emilia von Senger ist auf Instagram aktiv und eröffnet im Herbst die Buchhandlung She said in Berlin, in der Kund*innen dann Werke von weiblichen und queeren Autor*innen entdecken können.


Marius Müller, Buch-Haltung

In Zeiten des Artensterbens und des Klimawandels kommt die Wiederentdeckung dieser Essays des amerikanischen Naturschützers Aldo Leopold genau zur richtigen Zeit. Das Buch „Ein Jahr im Sand County“ versammelt in drei Teile unterteilt Leopolds Schriften und Beobachtungen. Im ersten Teil beschreibt er aufgeteilt in zwölf Monate das Leben auf seiner Farm in Wisconsin sowie den Gang von Flora und Fauna. Biographisch geprägt ist der zweite Teil, der Skizzen und Erlebnisse in verschiedenen Teilen Amerikas versammelt. Besonders aktuell und beeindruckend ist dann der dritte Teil des 1948 erschienen Buchs. In ihm entwickelt er Theorien und Abhandlungen zu Umweltschutz und Artenschutz. Ein einordnendes und kundiges Nachwort des Übersetzers Jürgen Brôcan rundet dieses in der Reihe „Naturkunden“ bei Matthes und Seitz erschienene Buch ab. Dass es ausnehmend schön mit naturkundlichen Zeichnungen von Charles W. Schwartz abgerundet ist und auch bibliophil überzeugt, muss bei dieser Reihe eigentlich nicht noch extra erwähnt werden.

Ein wichtiges Plädoyer zur Bewahrung der Schöpfung und ein eindrückliches Zeugnis für mehr Arten- und Klimaschutz, das ich gerne empfehle. Denn wie schreibt Leopold selbst: „Wildnis ist eine Ressource, die schrumpfen, aber nicht wachsen kann. Eingriffe lassen sich aufhalten oder so abwandeln, dass das Gebiet zur Erholung und für die Wissenschaft und Wildtiere erhalten bleibt, eine Neuschöpfung von Wildnissen in vollem Wortsinn ist dagegen unmöglich“. Es wäre schön, würden wir seine Worte wieder mehr beachten und auch dieses Buch häufiger lesen!

Marius Müller bloggt auf Buch-Haltung und ist auf Instagram, Twitter und Facebook zu finden.


Mareike Dietzel, Nordseiten

Haltung haben und Haltung zeigen ist enorm wichtig – in Zeiten von den Möglichkeiten von Social Media wohl noch mehr als früher. Auf der einen Seite gehen Menschen für ihr Recht auf die Straße sich und andere mit einer hochinfektiösen Krankheit anzustecken, auf der anderen Seite brennen ganze Stadtteile als Reaktion auf die systematische Polizeigewalt in den USA. Mir stellt sich im Alltag oft die Frage: Wie erklärt man einem Kind diese Welt und wie kann man seinen eigenen Platz darin finden?

Mein Wunsch, meine Tochter zu einem kritischen, aktiven und demokratischen Menschen zu erziehen, ließ mich in den vergangenen Monaten immer wieder zu den Büchern aus der Reihe „Little People, Big Dreams“ (Zeit Edition) greifen. Denn sie erzählen stets beginnend bei einem Kind, das einen Traum hat, eine Hürde erkennt oder eine besondere Begabung hat. In einfachen Erzähltexten werden die Biografien von herausragenden politischen oder popkulturellen Persönlichkeiten erzählt und somit der Weg für ein darüber hinausführendes Gespräch eröffnet.

Warum wollte Rosa Parks im Bus nicht aufstehen? Was faszinierte Marie Curie an der Wissenschaft? Was hat Maya Angelou für Erfahrungen in den Südstaaten gemacht? Warum ist Vivienne Westwood die Umwelt so wichtig?
Immer schwingt in den Biografien der Subtext mit: Es fing klein an, doch mit Mut und Ausdauer kann man viel erreichen – auch du!

Ich bin sehr froh, diese Buchreihe entdeckt zu haben, denn so interessant Wissensbücher à „So groß ist der Weltraum“ und „20 Riesendinosaurier“ auch sein mögen: Die wirklich beeindruckenden Geschichten beginnen ganz klein mit einem Traum in einem Kinderzimmer – es gibt kaum eine wichtigere Botschaft, die wir Kindern auf ihren Weg ins Leben mitgeben können.

Mareike Dietzel bloggt auf Nordseiten und ist auf Instagram, Twitter und Facebook aktiv.
 


Simon Sahner, 54books

Selbstständig arbeiten und seine Zeit frei einteilen können. Was auf den ersten Blick toll klingt, kann schnell zum Problem werden. Vor allem, wenn die Selbständigkeit eigentlich Abhängigkeit bedeutet. In „Gig Economy. Prekäre Arbeit im Zeitalter von Uber, Minijobs & Co.“ (Suhrkamp) widmet sich Colin Crouch dem Problem, dass Jobplattformen wie Uber und Foodora Arbeitnehmer*innen durch Scheinselbstständigkeit in prekäre Arbeits- und Lebensverhältnisse drängen, weil durch ein fehlendes Angestelltenverhältnis die Dienstleistenden keinen Anspruch auf Arbeitslosengeld, Versicherungen und geregelte Arbeitszeiten haben. Auf Grundlage seiner Erkenntnisse entwirft Crouch einen Vorschlag dafür, wie man angesichts einer digitalen Arbeitswelt unter diesen Umständen dennoch für Absicherung und faire Arbeitsverhältnisse sorgen könnte.

Auch Bini Adamczak stellt Fragen zum Leben und Arbeiten in der Gegenwart. In „Beziehungsweise Revolution. 1917, 1968 und kommende“ (Suhrkamp) geht sie der Frage nach, was wir aus Vergangenem für Gegenwart und Zukunft lernen können. Aus Erfahrungen des Siegens und Scheiterns vorangegangener Revolutionen erarbeitet Adamczak ein Revolutionskonzept, das auf der Grundlage der Solidarität aufbaut. Sie stellt Beziehungen ins Zentrum und baut Geschlechterverhältnisse in ihre Theorie ein. Besonders interessant ist die Aufarbeitung der postrevolutionären Zeit in den Jahren nach 1917 und 1968 – gerade aus dem, was nach Revolutionen geschah, lässt sich viel für die Zukunft lernen.

Colin Crouch und Bini Adamczak haben ihre Bücher in den beiden Jahren vor der Pandemie geschrieben. Durch die Ereignisse der letzten Monate haben aber die Fragen, die sie stellen, die Konzepte, die sie entwerfen und die Antworten, die sie versuchen zu geben, eine neue Dringlichkeit erhalten.

Simon Sahner schreibt auf 54books und ist auf Twitter zu finden.


Marina Müller-Nauhaus, Nordbreze

Die Hochzeit der Online-Yoga-Stunden und Bananenbrot-Sessions mag fürs Erste vorbei sein, doch die letzten Monate haben deutlich gezeigt, dass wir alle auf unterschiedliche Arten und Weiten versuchen, unser Glück zu finden. Ob im Großen oder im Kleinen. Aber warum passiert das manchmal so verbissen? Und warum ausgerechnet mit Bananenbrot?

In „Das Glücksdiktat“ (Suhrkamp) stellen Edgar Cabanas und Eva Illouz die aktuelle Fokussierung aufs Glücklichsein in Frage. Dabei kritisieren sie insbesondere die Positive Psychologie, die in den vergangenen Jahren immer mehr Einfluss in Wirtschaft und Politik gewonnen hat, um das Thema für die breite Masse aufzubereiten.

Aber was ist eigentlich so schlimm am Glück? Wäre es nicht famos, wenn wir alle ein glückliches Leben führen könnten?

Glück wird dann zum Problem, wenn es instrumentalisiert wird. Wenn Glück plötzlich zur Währung wird, zum Vergleichspunkt, zum alleinigen Heilsbringer. So kritisieren Cabanas und Illouz beispielsweise, wie die Wirtschaft auf glückliche Arbeitskräfte setzt, um die Produktivität zu erhöhen.

Und trotzdem: Nichts spricht gegen Glück. Der Kontext ist entscheidend. Meditation, ein achtsame Morgenroutine oder ein Glückstagebuch – all das kann glücklich machen. Die Frage sollte nur sein, warum man zu diesen Maßnahmen greift. Das heißt, man sollte ehrlich mit sich selbst sein und die eigenen Beweggründe zu hinterfragen. Denn wenn es bei der Glücksfindung und damit verbundenen Selbstoptimierung nur darum geht, eine ich-bezogene Einstellung zu pflegen, nach dem Motto „Höher, schneller, weiter!“, wird das Glück nur eine kurze Lebensdauer haben.

Und so ist „Das Glücksdiktat“ eine lesenswerte Abrechnung mit dem Zwang zum Glück und den Mechanismen, die dahinter stecken.

Marina Müller-Nauhaus schreibt auf ihrem Blog Nordbreze, dort ist auch die komplette Rezension zu „Das Glücksdiktat“ zu finden. Außerdem ist Marina auf Instagram, Twitter und Facebook aktiv.


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