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#sachbuchpreisbloggen „Sprachmaschinen“ von Roberto Simanowski


#sachbuchpreisbloggen „Sprachmaschinen“ von Roberto Simanowski

Karolina Minaev, karoreads

In „Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“ macht sich Roberto Simanowski es zur Aufgabe, in 5 Kapiteln (Autorschaft, Rechenfehler, Werte-Export, Entmündigungsschichten, Fortschrittsfalle) die jeweils verschiedene Themenbereiche abdecken, eine fundierte geisteswissenschaftliche Auseinandersetzung mit Künstlicher Intelligenz und der Frage nach ihrer Nutzung, ihren Möglichkeiten und Gefahren darzulegen. Dies gelingt ihm oberflächlich ganz gut, doch bleibt er in der Argumentation leider öfter an der Oberfläche und verpasst so meiner Meinung nach die Chance, tiefer in die Materie einzudringen.

Das Buch richtet sich, wie es mir scheint, an Personen, die KIs (LLMs) regelmäßig verwenden, und möchte Denkanstöße hervorrufen und auf die philosophische und politische Ebene der KI aufmerksam machen. Da ich jedoch KI bewusst nicht verwende, eine starke Anti-Haltung predige, selbst aus den Geisteswissenschaften komme und mich mit dem Thema KI in der Vergangenheit bereits ein wenig auseinandergesetzt habe, würde ich behaupten, dass ich nicht die richtige Zielgruppe für dieses Buch war. Dementsprechend konnte ich leider nicht viel neues Wissen aus meiner Lektüre mitnehmen (was auch nicht der Anspruch an jedes Sachbuch sein sollte) und die Fragen, die jene KI-Nutzer:innen zum Reflektieren und Hinterfragen anregen sollen, bei mir nicht viel bewirkt haben.

Das Buch und ich hatten leider einen schweren Start, indem auf S. 14 und 15 bereits unsensible Sprache verwendet und rassistische Sprache reproduziert wurde. (Dies zieht sich durch das ganze Buch durch, bspw. Reproduktion rassistischer Narrative auf S. 116 & 117.) Nur eine Seite später wird Judith Butler misgendert und auf S. 27 wird ein Beispiel verwendet, das eindeutig sexistisch ist. Es wird nicht gegendert, ob dies am Verlag liegt, kann ich nicht beurteilen.  Es wird größtenteils die männliche Form verwendet, ab und zu die weibliche eingesprenkelt, ob dabei dann tatsächlich nur Frauen gemeint sind, kann ich immer noch nicht beurteilen. Auch dadurch kommt es zu Aussagen, bei denen bewusst/unbewusst ein sexistischer Unterton mitschwingt (bspw. auf S. 26). Es tauchen öfters vage Formulierungen auf, die nicht wissenschaftlichen Standards entsprechen: „und viele andere“ ohne konkrete Nennung, „eine ehrbare deutsche Wochenzeitung“, was soll das bedeuten? So wirkt die Argumentation wie eine Mischung aus wissenschaftlichem Schreiben, unter Einbeziehung der eigenen Meinung und Verweisen auf (vermeintlich) pop(?)kulturelle Ereignisse, die nicht belegt werden und deren Ursprung für mich nicht ersichtlich sind. (bspw. S. 29. mit dem Verweis auf das Buchcover oder S. 111 unten: „Im ‚Neuen Kulturkampf‘ der ‚woken Linken‘ - so titelt ein Buch 2024“) Auch fallen vermehrt Aussagen, die verallgemeinern oder auf reiner Vermutung beruhen: „Auch die Dichter, die sich nun betrogen fühlen, werden die Produkte dieser Revolution nutzen, um sich ihr Leben und ihre Arbeit zu erleichtern.“ (S. 58)

Besonders gefreut hatte ich mich auf die Kapitel 1 und 3, doch auch hier war ich wahrscheinlich einfach die falsche Zielgruppe. Die Einordnung zu Barthes und seinem Tod des Autors kam meiner Meinung nach verkürzt und es fehlte ihr an Aktualität/Gegenwartsbezug. Vor allem in Hinblick auf aktuelle Publikationen, die stark geprägt durch den Geist des Spätkapitalismus sind, in Form von Auto(non/sozio)fiktion, greift Barthes Theorie nicht mehr. Auch wirkt die Argumentation rund um Barthes als ein Exponieren der eigenen Student:innen und die Hierarchie in Academie wird aufrechterhalten. 
Das 3. Kapitel mit dem Titel „Werte-Export. Die moralische Zweiterziehung der Sprachmaschine“ konnte mich wahrscheinlich am meisten überzeugen. Wobei auch hier leider erneut unsensible Sprache reproduziert wurde, Beispiele verwendet wurden, die bei mir nur Fragezeichen hinterließen und nicht argumentationsstützend wirkten. Als es dann um die wichtigen Themen wie KI und Kolonialismus und Neokolonialismus ging, fiel auch hier erneut das Wort „DekolonisierungsDEBATTE“, warum Debatte? Das ganze Buch über wird bei tatsächlich linken Themen immer eine Art Debatte suggeriert oder die Realität dieser Theorien in Frage gestellt. Es leuchtet somit ein, weswegen Liberal oder Links-liberal stets als Gegenpol zu Rechts von Simanowski genannt wird.

Im Großen und Ganzen ist das Buch durch eine weiße männliche Perspektive geprägt, die sich auch im Personenregister spiegelt, welches fast ausschließlich (weiße) Männer aufzählt. Die Miteinbeziehung kritischer, intersektional-feministischer Perspektiven wäre wünschenswert gewesen. Beispielsweise Stimmen wie Safiya Umoja Noble, Ruja Benjamin, Joy Buolamwini, D. Fox Harrell, nur um ein paar zu nennen.

Roberto Simanowskis „Sprachmaschinen. Eine Philosophie der künstlichen Intelligenz“ ist ein Buch, das die Realität der KI und ihrer Verwendung ins Auge trifft. Für mich persönlich war es nicht das richtige Buch, durch seine Aktualität und das Abdecken breit gefächerter Themen und philosophischer Fragestellungen wird es dennoch hoffentlich einige zum Nachdenken und Reflektieren anregen.

Der Originalbeitrag von Karolina Minaev ist auf Instagram erschienen.
 


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