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#sachbuchpreisbloggen Stefan Creuzberger „Das deutsch-russische Jahrhundert“


#sachbuchpreisbloggen Stefan Creuzberger „Das deutsch-russische Jahrhundert“

Anne Sauer, fuxbooks

Ich würde behaupten, ich kann mich für fast alles begeistern. Ich fuchs mich gern rein in neue Themen, lerne skurriles, wissenschaftliches oder historisches dazu und hau anderen willkürlich „Wusstest du …“-Fragmente um die Ohren. In meinem Job als Texterin muss das so sein. Ich habe mal einen Website betextet und war kurzzeitig „Expertin“ für Gewerbeanschlüsse, Grundstückserschließung und das Anbohren von Gashochdruckleitungen, what can I say. Deshalb war ich zwar kurz miesepetrig, als mir mein Patenbuch zum Deutschen Sachbuchpreis zugelost wurde (600 Seiten deutsch-russische Geschichte pour MOI, the feminist?!) – verwandelte meine anfängliche Skepsis dann aber in euphorische Lernbereitschaft. Ich überflog das Inhaltsverzeichnis, fand mindestens die Hälfte davon interessant und war bereit, mein 19-jähriges Ich kurz vorm Geschichts-LK-Abi zu challengen. Bleistift raus und los: Welche für mich wichtigen Erkenntnisse verbergen sich zwischen diesen Buchdeckeln, in welcher Relation steht mein Hier-und-Jetzt zur politischen Beziehung zwischen Russland und Deutschland? Woher kommt das Zögern Deutschlands, wenn es um den russischen Angriffskrieg auf die Ukraine geht? Was ich wusste: Diese Beziehung ist geprägt von Revolution und Umbruch, Freundschaft und Misstrauen, Terror und Gewalt - aber warum eigentlich?

Stefan Creuzberger beginnt seine Reise durchs deutsch-russische Jahrhundert mit einer Süßwarenfabrik - fand ich schon mal gut. Warum? Weil ich über Emotionen lerne. Und Süßwaren wecken meine Gefühle, es ist, wie es ist. Eifrig ließ ich meinen Bleistift übers Papier fliegen, habe mir Namen unterstrichen und Jahreszeiten eingekringelt, mir Randnotizen gemacht, um irgendwie alles im Kopf zu behalten, was Creuzberger intensiv recherchiert und detailreich aufgeschrieben hat („Wusstest DU, dass Deutschland Russlands wichtigster Handelspartner vor dem 1. WK war?“) - aber irgendwann war ich raus. Ich verlor mich in Namen und Ereignissen, sprang hin- und her zwischen historischen Ankern und der sich immer wieder aufdrängenden Frage „Was mache ich mit dieser Information?“

Der Professor für Zeitgeschichte macht genau das, was er verspricht: Er führt die Lesenden durch ein volles, krasses und wichtiges Jahrhundert einer toxischen Paarbeziehung zweier Großmächte. Für mich machte er das nur leider nicht spannend, nicht emotional genug. Mir fehlte die helfende Hand, die mich durch das historische Neuland führt. Ich habe mich also nach einigen Jahrzehnten genauso gefühlt wie im Geschichts-LK: Anfangs motiviert, das Heft noch unbeschrieben und ordentlich, später eher ein Sammelsurium an unleserlichen Mitschriften, das ungeliebte Lernobjekt. Es ist in meinen Augen ein Buch für alle, die sich voll und ganz reinlegen wollen in dieses mit politischem Wissen prall gefüllte Kissen – und die, anders als ich, die Perspektive der Frauen so gar nicht vermissen. Ich bezweifle nicht die historische Relevanz dieses Buches auf uns alle. Doch ich kann Bücher nicht mehr so lesen wie früher, ich lese sie mit dem Gehirn und mit den Empfindungen, die ich heute habe. Und in diesem Hirn hat mein Patenbuch leider nicht besonders viel bewegt.

Und doch bin ich bestens gelaunt, denn in meinem Arm halte ich einen großen Stapel Sachbücher, die mich entweder bereits inspiriert und geprägt haben, oder quasi kurz davor sind, das noch zu tun. Und doch, die Russland-Thematik lässt mich nicht ganz los: Habt ihr Tipps zu Sachbüchern oder Romanen, in denen die weibliche Perspektive auf die Geschichte zu Wort kommt? Dann bitte sofort her damit! Und sorry Patenbuch, ich hab’s versucht. 💔

Der Originalbeitrag von Anne Sauer ist auf Instagram erschienen.


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