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#sachbuchpreisbloggen: Asal Dardan „Betrachtungen einer Barbarin“

#sachbuchpreisbloggen: Asal Dardan „Betrachtungen einer Barbarin“

Juliane Noßack, Poesierausch

Juliane Noßack (Poesierausch) hat „Betrachtungen einer Barbarin“ gelesen und findet, dass Asal Dardan das Private in sprachlich schöner Form politisch relevant macht:

Die Journalistin Asal Dardan wurde 1978 in Teheran geboren und wuchs nach der Flucht der Familie aus dem Iran in Deutschland auf. In ihrem Essayband Betrachtungen einer Barbarin – nominiert für den Deutschen Sachbuchpreis 2021 – beschäftigt sie sich mit dem Anderssein und zeigt, dass das Private auch immer politisch ist.

Stefan und ich gehören ja in diesem Jahr zu den offiziellen Sachbuchpreisblogger*innen. Als auf mich die Aufgabe zukam, ein weiteres Buch von der Nominierungsliste zu lesen – Stefan ist ja mit Hegels Welt schon gut beschäftigt –, stand für mich sofort fest, dass es Betrachtungen einer Barbarin von Asal Dardan wird. Nicht nur habe ich auf vielen anderen Blogs und bei Instagram schon Lobpreisungen zu diesem Buch gesehen, sondern mich hat auch gleich die Form der persönlichen Essays angesprochen. Ich bin Fan von anspruchsvollen Memoirs und klugen Essays mit persönlichem Bezug. Joan Didions und Daniel Schreibers Bücher mochte ich sehr, und jetzt kam Asal Dardan – ich war gespannt.

Gleich im ersten Essay geht es um die Herkunft der Autorin. Asal Dardan wuchs in Deutschland als Kind iranischer Eltern, die aus ihrem Heimatland geflüchtet sind, auf. Sie beschreibt sehr eindrücklich, was wohl viele Menschen mit Migrationsgeschichte erleben: ein Gefühl, zwischen den Kulturen zu stehen, zwischen zwei Ländern und doch nirgendwo so richtig dazuzugehören. Themen wie das Fremd- und Anderssein sowie zwischen den Identitäten beider Länder zu stehen bestimmen auch viele der weiteren von insgesamt zehn Essays.

Ich bin keine Iranerin, und ich bin keine Deutsche, und ich bin doch beides. Und ich werde mitnichten dem Kitsch unserer Tage nachgeben und behaupten, ich sei Europäerin. Ich empfinde Zugehörigkeit als einen Prozess und keinen Zustand, keine Frage der Loyalität zu einem Territorium, weshalb ich nie eine grundsätzliche Aussage darüber treffen kann, wohin ich gehöre.

Asal Dardan hat nicht nur in Deutschland gelebt, sondern brach nach der Schule für ein Volontariat bei CNN nach Atlanta auf, lebte später einige Zeit auf Sardinien und zuletzt mehrere Jahre auf Öland in Südschweden. Sie schreibt über ihre Erfahrungen in den scheinbar fremden Ländern und dass sie sich oftmals besser aufgehoben fühlte als in dem Land, in dem sie aufgewachsen ist. Ihre persönlichen, fast schon intimen Beobachtungen setzt Asal Dardan stets in einen größeren politischen Kontext. Sie schreibt über Fremdenfeindlichkeit in Deutschland, den NSU-Prozess und auch über feministische Themen.

Als die Autorin bemerkt, dass sie zum dritten Mal schwanger ist – ungewollt –, steht für sie nach reiflicher Überlegung fest, dass sie das Kind nicht bekommen will. Während in Deutschland nun zahllose Beratungen und damit auch Zeit und Nerven ins Land ziehen würden, macht das schwedische Gesundheitssystem es den Frauen einfacher und nimmt sie und ihr Selbstbestimmungsrecht über den eigenen Körper ernst. Es gibt ein Gespräch, dann wird der Abbruch durchgeführt.

Warum wird in Deutschland diese Erniedrigung und Bevormundung noch als sinnvoll und vernünftig betrachtet? Wie kann es sein, dass sich unsere Gesellschaft damit abfindet, dass Tausende Menschen durch dieses Prozedere einem immensen und völlig unnötigen psychischen Druck ausgesetzt werden? Dass ihnen vermittelt wird, sie könnten nicht eigenständig und informiert über ihren Körper und ihr Leben entscheiden?

Dies ist nur ein Beispiel, wie es der Autorin gelingt, aus kleinen Anekdoten große gesellschaftliche Zusammenhänge zu entwickeln. Das Private wird hier zum Politischen. Viele Diskurse, die Asal Dardan in ihren Essays anstößt, waren für mich nicht neu, aber durch ihren speziellen und persönlichen Blick umso bereichernder. Hinzu kommt, dass jeder einzelne Essay auch sprachlich sehr gelungen ist und streckenweise wunderbar literarisch anmutet. In meinem Bücherregal dürfen sich die Betrachtungen einer Barbarin von Asal Dardan sehr gern neben Didion und Schreiber einordnen und mit ihnen auf Augenhöhe dort verweilen.

Der Originalbeitrag ist auf Poesierausch erschienen.


Anne Spitzner, Literaturlärm

Anne Spitzner (Literaturlärm) ist nicht nur sehr begeistert von Asal Dardans Essayband "Betrachtungen einer Barbarin" - sie hat das Buch auch zum Anlass genommen, um über Gastarbeiter*innen in der DDR zu recherchieren.

Anne Spitzners Rezension zu Betrachtungen einer Barbarin

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