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#sachbuchpreisbloggen: Daniel Leese „Maos langer Schatten“

#sachbuchpreisbloggen: Daniel Leese „Maos langer Schatten“

Steffen Twardowski, Sachen lesen

Steffen Twardowski (Sachen lesen) widmet sich gleich zwei nominierten Sachbüchern auf einmal: „Maos langer Schatten“ und „Die kleinste gemeinsame Wirklichkeit“. Die Rezension zum zweiten Titel ist hier zu finden.

Die Volksrepublik China erscheint manchen westlichen Beobachtern noch immer undurchschaubar, fremd, verschlossen. Der Sinologe Daniel Leese wagte sich an die spannende Aufgabe, eine wichtige Phase Chinas zu dekodieren: Das Jahrzehnt nach dem Tod des Großen Vorsitzenden Mao Zedong. „Es gibt wohl kaum einen Staat, der sich im unmittelbaren Gefolge eines politischen Führungswechsels intensiver und großflächiger mit Fragen historischen Unrechts beschäftigt hat als die Volksrepublik China zwischen 1976 und 1987. Sowohl organisatorisch als auch ökonomisch investierte die Partei enorme Ressourcen, um individuell erlittenes Unrecht auszugleichen, Täter zu identifizieren und Objekte zu restituieren, deren Enteignung nunmehr als unrechtmäßig betrachtet wurde“, schreibt er im Epilog seiner Studie. Mao und die Kommunistische Partei starteten Massenkampagnen wie die Kulturrevolution, um jeden Anflug kapitalistischer Ideologie und Wirtschaft zu unterbinden. Sie dauerte bis zu Maos Tod, Daniel Leese spricht von über 100 Millionen politisch Verfolgten und zeitweilig drohte ein Bürgerkrieg. Auf zehn Jahre Chaos folgten zehn Jahre Aufräumen.

Wie sein Buch entstand, liefert Stoff für eine eigene Erzählung. 2005 entdeckte er auf einem Flohmarkt in Beijing Gerichtsurteile jener Zeit. Mit weiterem Material von Zeitzeugen und chinesischen Forschern, aus Privatarchiven und Tagebüchern formte er seine Rekonstruktion. Der Europäische Forschungsrats unterstütze das Projekt. Denn „Politisierung und Kriminalisierung der historischen Forschung haben die hervorragenden chinesischen Ansätze zur kritischen Untersuchung dieses Zeitraums weitgehend unterbunden.“ Daniel Lesse erforscht detailliert, wie die Partei versuchte, Fehlentwicklungen und Verbrechen politisch wie juristisch aufzuarbeiten, ohne die Kontrolle zu verlieren. Dabei behält er Positionen und Ziele der handelnden Personen, den jeweiligen Kontext in dieser unruhigen Situation fest im Blick. Zugleich wahrt er kritische Distanz und hinterlegt Kriterien für die Bewertung ähnlicher historischer Prozesse. Sein Fazit handelt von unmittelbaren Zwängen und verpassten Chancen, denn die Partei verschob eine tiefere Aufarbeitung, erinnerte an die zerstörerische Stimmung der Kulturrevolution. Dies „wurde nunmehr zum Vorwand, Diskussionen über die Vergangenheit zu unterbinden und die Ansätze einer demokratischen Legitimierung der eigenen Herrschaft zu vertagen.“ Maos langer Schatten gestattet es, Denkmauern zu überwinden und hinterfragt sehr lesenswert einen spannenden Abschnitt chinesischer Geschichte.

Der Originalbeitrag von Steffem Twardowski ist auf Sachen lesen erschienen.


Sascha Thoma, Koreander

Sascha Thoma (Koreander) lobt die wissenschaftliche Leistung von „Maos langer Schatten“, sieht aber die durchschnittlichen Sachbuchleser*innen nicht als Zielgruppe des Buchs:

Am 14. Juni wird zum ersten Mal der Deutsche Sachbuchpreis vergeben. Als „Sachbuchpreisblogger“ durfte ich bereits „Flucht. Eine Menschheitsgeschichte“ von Andreas Kossert vorstellen. Als zweites Buch habe ich mir Daniel Leeses „Maos langer Schatten“ ausgesucht. Wenn man mit einer Sinologin verheiratet ist, bleibt ein gewisses Interesse für Ostasien nicht aus. Gerade erst habe ich Kai Vogelsangs ausgezeichnetes Sachbuch „China und Japan. Zwei Reiche unter einem Himmel“ hier vorgestellt. Nach diesem Blick auf die langfristige Beziehungs-, Entstehungs- und Kulturgeschichte dieser beiden Länder folgt nun die Fokussierung auf einen bestimmten Abschnitt in der Geschichte Chinas. Daniel Leese hat sich mit der juristischen, politischen und gesellschaftlichen Aufarbeitung der Kulturrevolution in China nach Maos Tod wissenschaftlich auseinandergesetzt.

Im Rahmen des vom Europäischen Forschungsrat geförderten Projekts „The Maoist Legacy: Party Dictatorship, Transitional Justice and the Politics of Truth“ hat er erforscht, „auf welche Weise sich die Kommunistische Partei nach Mao Zedongs Tod mit dem Erbe massenhaften historischen Unrechts auseinandersetzte.“ Nun wirkt der Sachbuchtitel „Maos langer Schatten“ dagegen allerdings weniger zutreffend. Denn der lange Schatten spielt lediglich im Prolog wie Epilog eine Rolle. In den anderen über 400 Seiten ist es eher der kurze Schatten, der juristisch aufgearbeitet werden soll. Ganz wie es der Titel des Forschungsprojekts eben hergibt. Für den Sachbuchmarkt hat man dann einen Epilog drangehängt, der die Zielgruppe des Sachbuches jenseits von Sinolog*innen und Rechtswissenschaftler*innen erweitern soll. Aus Perspektive des Marketings legitim, für eine Leser*innenschaft jenseits dieses special interests der innerparteilichen Aufarbeitung von Unrecht und Terror allerdings vermutlich eher etwas enttäuschend. Ein Problem das das gesamte Buch durchzieht: wer ist die Zielgruppe?

Wie umgehen mit dem eigenen Unrecht?

„Maos langer Schatten“ ist aber eine äußerst profunde, detailreiche und akribische Darstellung der Aufarbeitung der Staatsverbrechen der Kommunistischen Partei unter Mao während der sogenannten Kulturrevolution. Hunderttausende, vielleicht Millionen Tote forderte der Terror der „10 Jahre Chaos“ und stürzte das Land an den Rand eines Bürgerkrieges. Nach Maos Tod begann die Aufarbeitung dieser Zeit der Willkür und des Unrechts. Das Besondere ist, dass hier kein System- oder Herrschaftswechsel vorhergeht, sondern die Kommunistische Partei Chinas die eigenen Verbrechen und das eigene Unrecht zum Gegenstand der Aufarbeitung machen muss. Oberstes Staatsziel war dabei jedoch die Befriedung und die Einheit und Stabilität Chinas. Wie also mit Tätern umgehen, die weiterhin verdiente Mitglieder der Partei sind? Wie mit Verbrechen umgehen, die von oberster Stelle toleriert wurden? Um den Versprechungen der Partei nach Gerechtigkeit nachzukommen, müssen Täter verurteilt und Unrecht wieder gut gemacht werden. Zwischen 1976 und 1987 wurden so Millionen Urteile neu gesichtet. Über 600.000 Personen waren zeitweise mit der Aufarbeitung beschäftigt.

„Insgesamt verhandelten die Gerichte in der Kulturrevolution mindestens 1,26 Millionen Strafrechtsfälle, die nach Mao Zedongs Tod alle neu aufgerollt und überprüft wurden. Nicht-politische Verbrechen machten mit 980 000 Verurteilungen die überwiegende Mehrheit aus. Die restlichen 280 000 Fälle wurden zeitgenössisch unter den Tatbestand der Konterrevolution gefasst.“ Man wollte wieder „Ordnung aus dem Chaos schaffen“. Die „Revision ungerechter, falscher und fehlerhafter Fälle“ wurde zwar durch Gerichte und Sicherheitsorgane durchgeführt, allerdings konnten diese durch Parteikomitees verändert werden. Bei den Strafrechtsfällen wurden nur etwa 10 Prozent korrigiert, bei den politischen Vergehen wurden 70 bis 80 Prozent revidiert. Nimmt man alle Verfahren zusammen auch die vor der Kulturrevolution kommt man auf fast 3 Millionen überprüfte Verfahren mit etwa einer Million korrigierter Urteile.

Sachbuch oder Forschungsbericht?

Daniel Leese gelingt trotz einer wissenschaftlich motivierten überbordenden Detailverliebtheit ein lesenswertes Buch, dass auch aktuelle Geschehnisse und Machtkämpfe in China verstehen hilft. Die herrschende Kultur ist immer auch die Kultur der Herrschenden und so entwirft Leese ein empirisches Bollwerk zu George Orwells Aphorismus: „Wer die Vergangenheit beherrscht, beherrscht die Zukunft. Wer die Gegenwart beherrscht, beherrscht die Vergangenheit.“

Allerdings, und das sei auch gesagt, ist die teils ermüdende und redundante Tiefe der Darstellungen nicht sonderlich Sachbuch geeignet. So liegt leider bereits in der Ausgangskonstruktion die Krux. Im Wesentlichen wurden hier also die Forschungsergebnisse in ein Sachbuch gezwängt. Die Logik von Sachbüchern ist aber eine andere als die von wissenschaftlichen Büchern oder gar Forschungsberichten. Der Deutsche Sachbuchpreis prämiert „herausragende, in deutscher Sprache verfasste Sachbücher, die Impulse für die gesellschaftliche Auseinandersetzung geben. Bewertungskriterien sind die Relevanz des Themas, die erzählerische Kraft des Textes, die Art der Darstellung in allgemein verständlicher Sprache sowie die Qualität der Recherche.“

Die Qualität der Recherche ist bei einem wissenschaftlichen Projekt des europäischen Forschungsrates wohl außer Konkurrenz. Aber sowohl die erzählerische Kraft als auch Darstellung und Relevanz leiden unter dem wissenschaftlichen Duktus, dem wissenschaftlichen Aufbau und der äußerst speziellen Darstellung. Hier wird für eine Handvoll Feuilletonist*innen und Expert*innen geschrieben. Zwar hätte das Thema auch über den sehr eingeengten Fokus Chinas weitreichendere Bedeutung, aber eine der wichtigsten Methoden der Politikwissenschaft findet keine Anwendung: der Vergleich. Und so stehen die Ergebnisse der Forschung im luftleeren Raum. Nun ist es nicht Aufgabe der Wissenschaft, gleich die Schlüsse mitzuliefern. Das kann dem Diskurs in der Scientific Community überlassen werden. Aber bei einem Sachbuch, das gesellschaftliche Relevanz und gesellschaftlichen Diskurs anstoßen soll, wäre dies unabdingbar. Wem hilft der Diskurs im Elfenbeinturm, um es provokant zu formulieren.

Mal mehr mal weniger gelungen

Leider ist Leese auch ein Vertreter einer, ich nenne es mal unmodernen, Geschichtsauffassung. Während Kai Vogelsang in herausragender Weise gezeigt hat, wie sich Menschen gegenseitig bedingen und wie die Beziehungen und Verflechtungen der Menschen soziale Prozesse bedingen, schreibt Daniel Leese doch eine äußerst voluntaristische Geschichte der Kulturrevolution, Maos und der Kommunistischen Partei. Hier bedingt sich nichts gegenseitig, hier ist alles geplant und wird zu 100 Prozent auch so durchgeführt, es herrscht eine rein instrumentelle Vernunft. Hier gibt es keine echten Gefühle, sondern nur von Propaganda geschürte, die Kriegsverbrechen der Japaner, rufen keine echte Wut hervor, sondern die Kommunistischen Partei manipuliert diese durch Gefühlspolitik. Das erinnert an die grandiosen Dokumentationen von Adam Curtis oder weniger wohlwollend an verschwörungsideologische Erzählungen.

Keine Zufälle, keine sozialen Prozesse, keine „Außenwirkungen“, keine Überzeugungen, nicht einmal Fehler gesteht Leese den Handelnden zu. Letzteres liegt allerdings auch in der inneren Logik des Buches begründet, baute doch ein erheblicher Teil der juristischen Aufarbeitung der Kulturrevolution auf der Unterscheidung von Fehlern und Verbrechen auf. Und diese Unterscheidung war, wie zu erwarten, willkürlich bzw. politisch motiviert. Um sich also von dieser Erzählung zu distanzieren, scheint es nur absichtliches zielgerichtetes Handeln bei Leese zu geben. Und zwar dermaßen zielgerichtet, dass das Ergebnis immer das intendierte ist.

Nichtsdestotrotz ist Maos langer Schatten ein wichtiger Beitrag sowohl zum Verständnis Chinas als auch zum allgemeineren Verständnis von Vergangenheitsbewältigung und juristischer Aufarbeitung eigener Verbrechen.

Der Originalbeitrag von Sascha Thoma ist auf Koreander erschienen.

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