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#sachbuchpreisbloggen „Tausend Aufbrüche“ von Christina Morina


#sachbuchpreisbloggen „Tausend Aufbrüche“ von Christina Morina

Sandra Falke, Literarische Abenteuer

Gespaltene Gedanken. Christina Morina: Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren

Christina Morina zeichnet in ihrer Monografie „Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren“ ein beeindruckendes, immersives deutsch-deutsches historisches Panorama – und führt aus, wie der gesellschaftliche und geschichtliche Nachhall vergangener Dekaden mit früheren Jahrhunderten einerseits, mit brennenden Fragen unserer Gegenwart andererseits zu verbinden ist.

Morina berichtet weitgreifend und objektiv über wichtige Zäsuren und Ereignisse aus der Zeitgeschichte eines äußerlich vereinten und innerlich gespaltenen Landes – und webt überdies souveräne, fundierte Zeitkritik in ihre Kapitel ein. Ein gelungenes Gegenwartsporträt ergänzt das vielfältige Vergangenheitspanorama.

Christina Morina ist seit 2019 Professorin für Allgemeine Geschichte unter besonderer Berücksichtigung der Zeitgeschichte an der Universität Bielefeld. Ihre Forschungsschwerpunkte liegen in der Gesellschafts- und Erinnerungsgeschichte des Nationalsozialismus, der politischen Kulturgeschichte des geteilten und vereinigten Deutschlands sowie in dem Verhältnis von Geschichte und Gedächtnis. Morina habilitierte 2017 an der Friedrich-Schiller-Universität Jena mit einer Arbeit über die Ursprünge des Marxismus.

Die Monografie „Tausend Aufbrüche. Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren“ vereint eine Perspektive auf deutsch-deutsche Geschichte in den 1980er- und 90er-Jahren mit einer Reflexion zu zeitgenössischen politischen Entwicklungen.

Morina beschreibt das Demokratie- und Bürgerselbstverständnis „der Deutschen in Ost und West für die Zeit sowohl vor als auch nach der Zäsur von 1989“ mit besonderem Fokus auf „ganz normale“ Bürgerinnen und Bürger. (13) Hiermit möchte die Autorin einen eigenständigen und perspektivisch einzigartigen Blick auf soziopolitische Nuancen werfen, diese sammeln und über das gesichtete Material reflektieren. Sie bezeichnet das Buch an anderer Stelle auch als Versuch einer „politischen Kulturgeschichte ‚von unten'“ (17).

[…] bei näherer Betrachtung zeigt sich durchaus,
wie zäh und windungsreich dieser Wandel
von einer ethnisch-völkischen hin zu einer
liberal-partizipatorischen Gesellschaftsidee war –
und […] dass er keineswegs
als unumkehrbar gelten kann.“ (42)

Obwohl das argumentative Herzstück und die ausgewerteten Bürgerbriefe, die das hauptsächliche Konzept und das Gerüst für die Untersuchung bieten, aus den 1980er-Jahren stammen, bettet die Autorin ihre Reflexionen in einen breiteren Kontext ein. In den späten 1970er-Jahren legt Morina beispielsweise denjenigen Moment fest, als die Zweistaatlichkeit gesellschaftlich als „Normalzustand“ empfunden worden sei, während sich andererseits geopolitische und ideologische Konflikte auf der Weltbühne die verschärft haben. (33) Vor dieser Zeit sei in Europa, in Deutschland, beispielsweise noch die Rede von einer Spaltung in den „Staatsbürger“ und „Privatbürger“. (32)

Morina geht nicht nur dem Bürgerbegriff ideengeschichtlich auf den Grund, sondern richtet ihren Blick auf weitere gesellschaftspolitische Termini, die für ihre empirischen Untersuchungen eine zentrale Rolle spielen werden. Das Verständnis von Staat, Bürger und Demokratie und den Wandel der respektiven semantischen Felder stellt Morina auf vielfältige Art und Weise dar. Stets betrachtet sie Konzepte, Definitionen, Wahrnehmungen – und historische sowie zeitgenössische Bedrohungen – von Demokratie.

Morina versteht und beschreibt Demokratie als Prozess, als nicht statisch – als ein „Sammelsurium veränderlicher Ideale“, eine „gelebte, gestalt- und streitbare Form des gesellschaftlichen Zusammenlebens“. (291)

Für „Tausend Aufbrüche“ hat Morina tausende von Briefen gesichtet und gelesen. Für die Recherchen zur BRD waren dies Schreiben von Privatpersonen an die Bundespräsidenten Karl Carstens und Richard von Weizsäcker, für die DDR-Seite las sie an diverse Institutionen gerichtete Briefe, die bis 1989 im Ministerium für Staatssicherheit und heute im Stasi-Unterlagen-Archiv im Bundesarchiv in Berlin verwahrt werden und einsehbar sind.

Positiv hervorzuheben ist die stete Fokussierung von marginalisierten Gruppen und Individuen bei der Auswahl: Morina richtet ihren Blick regelmäßig auf die gesellschaftliche Position, den Anteil und das Selbstverständnis von Frauen (vgl. 59, 224 u.a.) – geschrieben seien die Briefe von Verfassenden aus jeder Bevölkerungsgruppe, „von der Oberschülerin bis zum Pensionär“ (46). Zugleich berücksichtigt sie zahlreiche Meinungen von Menschen nichtdeutscher Herkunft und thematisiert Ausländerfeindlichkeit sowie die sich ebenso im Laufe der Dekaden wandelnden deutsch-deutschen Positionen zu Migrant*innen.

Interessant sind die Auswertungen im Vergleich: Die DDR-Bürgerpost sei „in Ton und Inhalt viel stärker konfrontativ und nicht selten geradezu feindselig formuliert“ (61) – die ‚Westpost‘ konkreter und pragmatischer ausgerichtet. (62) Gemein sei beiden jedoch das subjektive Bild, „das die Absenderinnen und Absender von sich selbst als „souveränen Mitgliedern der Gesellschaft“ hatten.“ (49)

Morina möchte mit „Tausend Aufbrüche“ eine „historisch einzigartige Demokratiegeschichte von unten erzählen“, (133) es liege ihr an einer Überlieferung, die „nicht anekdotisch, sondern systematisch“ (171) vorgeht. 

Diese Perspektive soll die bislang verfügbaren
Revolutionserzählungen keineswegs ersetzen,
sie aber um eine wichtige Dimension bereichern:
die des innerdeutschen Gesprächs darüber,
was eine Demokratie […] ausmacht.“ (133)

Dies sowohl in Berücksichtigung der Demokratie als Herrschafts- als auch als Lebensform – tatsächlich also analytisch von oben und von unten betrachtet.

Die individuellen Meinungen, die an dieser Stelle abgebildet und zitiert werden, intensivieren Morinas Auslegungen um einiges und unterstreichen die Bandbreite der Resonanz sowie die aktive Auseinandersetzung der Deutschen mit ihrer Landesgeschichte und ihrem Selbstbild.

Es entsteht ein besonderes, immersives Erlebnis, welches Lesende einerseits mit den Schreibenden mitfühlen und erleben, die eigenen Positionen und Gedanken hautnah mit den Zeilen von ‚damals‘ kollidieren und vergleichen lässt. Zur anderen Seite folgt allerdings stets Morina mit sachlich-analytischen Betrachtungen.

Zu weiteren faszinierenden Aspekten, die im Buch aufgegriffen und obduziert werden, gehören die Debatten um die Hauptstadt des vereinten Deutschlands, der von Konflikten und Widerstand geprägte Weg Berlins zurück zum Status desselben – Morina zeichnet eine sehr gut nachvollziehbare Diskussion nach, die mir persönlich jedoch bis dato nur im grobsten Umriss bekannt war. Wertvoll empfand ich vor allem die sachliche Auslegung beider Seiten der Debatte.

Berlin wurde de facto zum Ausgangspunkt einer
deutschen Kriegs- und Vernichtungsgeschichte,
in deren Konsequenz auch Auschwitz zu nennen ist,
das zum Symbol der bisher unsäglichsten
Inhumanität geworden ist.“ (205)

Sehr wichtig ist das kompositorisch als Schlusslicht positionierte inhaltliche Highlight, die zeitgeschichtliche und zeitgenössische Auseinandersetzung mit den Neuen Rechten.

Morina unternimmt eine kritisch-sachliche Darstellung derjenigen Tendenzen, die extrem rechten Strömungen eine Bühne ermöglichten und ein Demokratieverständnis verfestigten, „das auf homogenen Gemeinschaftsvorstellungen statt auf plural-individualistischen Prinzipien beruht“ (256).

Sie erklärt, wie und warum AfD-Hochburgen dort entstanden sind, wo sie entstanden sind, welche Bevölkerungsgruppen von der Partei angesprochen werden und welche historischen Entwicklungen zum Erfolg dieser „Mischung aus Antiliberalismus, Antimaterialismus und Chauvinismus“ geführt haben, der sich „in Landstrichen, in denen es besonders viele „aussichtslose“ Junge […] und Alte […] gibt, hervorragend kultivieren“ ließe. (262) Bereits zum Beginn der Monografie warnt Morina vor einer Rückkehr zum ethnisch-völkischen, (42) und kehrt nun zum Schluss des Buchs zum entsprechenden zeitgenössischen Brennpunkt zurück.

Es ist enorm lohnend, Zeile für Zeile zu verfolgen, wie sachlich und souverän Morina die menschenverachtende Stellung der Neuen Rechten kritisiert, während sie ihre Psychologie und die Methodik übersichtlich und verständlich beschreibt. Bereits für dieses letzte Kapitel alleine lohnt sich die Lektüre der Monografie sehr. Die Strategien und die Vorgehensweisen der entsprechenden Individuen werden hier transparent und sachlich dargestellt und in einen historischen Kontext eingebettet. Dieser trägt wiederum zum Verständnis derjenigen Spaltung bei, die zum – meines Erachtens bedauerns- und bekämpfenswerten – Erfolg der AfD verholfen hat.

In diesem Zusammenhang spricht Morina des Weiteren über ostdeutsche Politiker*innen im Allgemeinen und die Karriere Angela Merkels im Besonderen – und reflektiert über die bisherigen Entscheidungen in puncto Migrations- und Klimapolitik als mögliche Ausgangspunkte für den Aufstieg der Neuen Rechten.

Doch überlasse ich dieses Kapitel zur Eigenlektüre meiner Leser*innen und freue mich auf Meinungen und Gedanken in den Kommentaren.

„Tausend Aufbrüche“ ist eine ambitionierte Betrachtung und eine breit gefächerte historische Kontextualisierung brennender Kernprobleme unserer Zeit. Nicht nur wird Morina ihren eigenen Ansprüchen meines Erachtens mehr als gerecht, darüber hinaus berichtet sie stets mit Schärfe, Tiefe und Sachlichkeit über Geschichte, Mentalität und Traumata, die zur fortdauernden inneren Spaltung Deutschlands beitrugen – und nur mittels eines sachlichen Dialogs zu bewältigen wären, der sich in unserer heutigen Gesellschaft zunehmend als Mangelware erweist.

Was Kritikpunkte zur Lektüre betrifft, empfand ich den Zeitraum der behandelten Bürgerbriefe zunächst als recht begrenzt. Morina merkt an, dass bereits ab 1992 aufgrund der 30-Jahres-Frist noch keine Schreiben freigegeben sind. (19) Insofern hat sie also keine andere Wahl, als dass der Text in der zweiten Hälfte zum reinen Essay wird und keine Auswertung von Briefen mehr möglich ist. Insofern ist der gewählte Titel etwas irreführend zu bewerten, da es nun nicht nur ums Beschriebene geht, sondern vielmehr das Zusammenspiel der Aufbrüche und der gegenwärtigen Entwicklungen auf politischer Landschaft die Seele der Monografie ausmacht.

Andererseits bietet der Untertitel „Die Deutschen und ihre Demokratie seit den 1980er-Jahren“ einen klaren Rahmen zur Auseinandersetzung mit der deutschen Demokratie, die im heutigen Verständnis, wie Morina plausibel aufzeigt, aus einem deutsch-deutschen, einem gespaltenen, Demokratieverständnis resultiert und historisch von Diskrepanzen und Wechselwirkungen geprägt ist, die bis dato – und zukünftig – eben eine tiefe Spaltung indizieren.

Zwecks angenehmerer Lesbarkeit hätte ich mir eine deutlichere visuelle Einteilung, weitere Abbildungen, Zeitachsen, Grafiken und illustrative Ergänzungen zu den zahlreichen Zahlen und Fakten gewünscht, die die schiere Menge an Informationen leichter verdaulich gemacht hätten könnten.

Beispielsweise zur Hauptstadtdebatte stellt Morina zwei Abbildungen mit gegenüberstehenden Meinungen zur Verfügung, (204) die die beschriebenen Stimmen visuell ergänzen – und hilft dadurch, die erhaltenen Informationen an dieser Stelle mithilfe einer Abbildung besser im Gedächtnis zu speichern. Eine solche Vorgehensweise hätte dem sehr üppigen Werk zu etwas besserer Lesbarkeit verholfen, insbesondere an zahlreichen Stellen, an denen Wahlergebnisse und Statistiken oft sehr detailliert ausgeführt werden.

Es steht jedoch außer Frage, dass Christina Morina mit „Tausend Aufbrüche“ eine intelligente und umfangreiche Perspektive zum besseren Verständnis der zeitgenössischen deutsch-deutschen Gesellschaft bietet, die für einen kritischen Umgang mit aktuellen politischen Tendenzen von großem Wert ist.

Insofern spreche ich für historisch und politisch interessierte Lesende gerne eine Empfehlung aus.

Meine ausführliche Meinung zum Sachbuchpreis 2024 und allen Nominierten findest Du im neuesten Video auf meinem YouTube-Kanal. Ich freue mich auf Deinen Besuch und alle Gedanken zum Thema Sachbuchpreis.

Der Originalbeitrag ist auf Sandra Falkes Blog erschienen.

Sandra Falkes Resümee Deutscher Sachbuchpreis 2024

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