Flucht -

Flucht

Eine Menschheitsgeschichte

Andreas Kossert

© Tobias Hein

Verlag

Siedler

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Über das Buch

Andreas Kossert stellt die Flüchtlingsbewegung des frühen 21. Jahrhunderts in einen großen geschichtlichen Zusammenhang. Immer nah an den Einzelschicksalen zeigt Kossert, welche existenziellen Erfahrungen von Entwurzelung und Anfeindung mit dem Verlust der Heimat einhergehen. Ob sie aus Ostpreußen, Syrien oder Indien flohen: Flüchtlinge sind handelnde Personen der Weltgeschichte.

Jury­begründung

Wer flieht, der verliert – Heimat, Hab und Gut, lange gewachsene soziale Kontakte und ein Stück weit auch die Kontrolle über das eigene Leben. Flüchtlinge teilen diese Erfahrung, wissen um die Schwierigkeiten des Neuanfangs und die Vorbehalte der Immer-Schon-Dagewesenen, die sich aus der Furcht speisen, selbst einmal eben so viel verlieren zu können wie die Geflohenen. Der Historiker Andreas Kossert hat sich in die Perspektive der Flüchtenden eingearbeitet, hat ihre Geschichten von der Vormoderne bis in die Gegenwart gesammelt, hat außer historischen Quellen auch berührende literarische Zeugnisse von Betroffenen zusammengetragen. Empathie, Stilgefühl, ein langer Atem und ein unaufgeregter Blick auf die aktuellen Debatten rund um Aus- und Einwanderung zeichnen diesen großen Wurf aus.

Andreas Kossert

Andreas Kossert, geboren 1970, studierte Geschichte, Slawistik und Politik. Der promovierte Historiker arbeitete am Deutschen Historischen Institut in Warschau und lebt seit 2010 als Historiker und Autor in Berlin. Auf seine historischen Darstellungen Masurens (2001) und Ostpreußens (2005) erhielt er begeisterte Reaktionen. Zuletzt erschienen von ihm der Bestseller „Kalte Heimat. Die Geschichte der deutschen Vertriebenen nach 1945“ (2008) sowie „Ostpreußen. Geschichte einer historischen Landschaft“ (2014). Für seine Arbeit wurde ihm der Georg Dehio-Buchpreis verliehen.

Veranstaltungen

Live-Sendung: Die Nominierten
Literaturhaus Frankfurt, am 1. Juni 2021, 19:30 Uhr

Hier kommen alle zusammen: Die nominierten Autor*innen in Gesprächen mit David Ahlf, Fridtjof Küchemann, Alf Mentzer, Cécile Schortmann und Gert Scobel.

Karten buchen

Matinée anlässlich der Verleihung des Deutschen Sachbuchpreises
Humboldt Forum, am 13. Juni 2021, 11 Uhr

Die 8 nominierten Autor*innen im Gespräch über ihre Bücher und zentrale Themen des Humboldt Forums.

Andreas Kossert zu Gast in Erfurt

1. Juli 2021, 18:15 Uhr
Veranstaltet von der Landeszentrale für politische Bildung Thüringen

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Lese­probe


Im Ankunftsland haben die, die schon da sind, die Deutungshoheit, sie allein definieren die kulturellen und sozialen Normen. Die Flüchtlinge begreifen sie nur zu oft als Bedrohung, denn sie stellen diese Besitzstände und Hierarchien infrage, und zwar nicht aus Überzeugung, sondern weil sie mit der Kultur, der Sprache und der Religion der Aufnahmegesellschaft nicht vertraut sind. Zuweilen wird schon ihre bloße Anwesenheit als bedrohlich wahrgenommen. Flüchtlinge stehen am Rand und müssen um Einlass bitten, und dennoch sind sie nicht nur Spielball politischer Entscheidungen, die von Sesshaften getroffen werden, sondern als globales und Gesellschaften herausforderndes Phänomen zentraler Akteur der Moderne – heute mehr denn je.

Das Uneindeutige endet nicht mit der Flucht. Opfer können zuvor Täter gewesen sein und ebenso umgekehrt. Bei Vertreibungen zeigt sich nicht selten das Wechselspiel von Gewalt.19 Vertriebene bemühen sich energisch um die Anerkennung ihres Verlusts, insbesondere wenn sie als Interessenvertretung organisiert sind, und pochen auf ihren Opferstatus. Sie sind hilflose, manchmal ungelenke Versehrte und treten zugleich kraftmeierisch auf. Deutsche Vertriebene fordern von Polen und der Tschechischen Republik, die Vertreibung der Deutschen als Unrecht anzuerkennen, das Gleiche fordern Italiener von Slowenen und Kroaten, Polen von Ukrainern, Griechen von Türken, Krimtataren von Russen. Die Liste reicht bis in die jüngste Gegenwart, wie die juristischen Auseinandersetzungen in Myanmar zeigen, wo die muslimischen Rohingya von ihren buddhistischen Landsleuten vertrieben wurden. Flucht und Vertreibung sind oft das Ergebnis von Verstrickungen, von Fragen nach Schuld und Verantwortung, von Instrumentalisierungen oder einer Politik der Revanche, die Gesellschaften und Staaten spalten können. Es gilt, solchen Versuchungen möglichst souverän die Stirn zu bieten und vor allem die Spannungen und Widersprüche auszuhalten.

Geschichten vom erzwungenen Fortgehen, von den gefährlichen Fluchtrouten, vom Ankommen, von Heimweh, Anpassung, Schweigen, von Tabus und Traumata gibt es in allen Sprachen, Kulturen, Religionen und Weltanschauungen. Fremd zu sein ist eine Erfahrung, die Menschen auf der ganzen Welt und zu allen Zeiten gemacht haben und machen. Es ist ein Schicksal, das ihnen von anderen aufgezwungen wird. Der Flüchtling ist ein Entwurzelter, den der Schatten der Erinnerung niemals verlässt, der ihn manchmal sogar über den Tod hinaus begleitet, wie die Schriftstellerin Olga Tokarczuk aus der eigenen Familie zu berichten weiß: »In privaten Erinnerungen, in Familienerzählungen kehrt das Drama mit der Hartnäckigkeit eines Albtraums wieder – zerrissene Familienbande, verschollene Familienmitglieder, verbrannte Dokumente, eine unbestimmte Nostalgie nach den Geburtsorten, die Faszination von Gegenständen, die im Chaos dauerhafter zu sein scheinen als die Menschen und die Erinnerung an sie; das Gefühl der Fremdheit in einer Welt, die man sich erst und immer wieder zu Eigen machen muss, ihre Undurchschaubarkeit, und das Empfinden, Unrecht erlitten zu haben.«20

Was bedeutet es für einen Menschen, die Heimat für immer zu verlieren, unter Zwang und Gewalt fliehen zu müssen und am Ende im Exil zu leben? […] Indem sie ihre Geschichten erzählen, entsteht eine »Pluralität von Wahrheiten« über die erzwungene Entwurzelung. Trecks, Abschiebe- und Auffanglager, Massengräber, die Toten am Straßenrand sind keineswegs nur Erscheinungen aus dem Europa der Weltkriegsepoche,22 sondern universale Erfahrungen. Sabria Khalaf und Vinda Gouma aus Syrien, Judith Kerr aus Berlin und Zbigniew Herbert aus Lemberg, Friedrich Biella aus Masuren, Rupert Neudeck aus Danzig, Reinaldo Arenas aus Havanna und André Aciman aus Alexandria – sie alle erzählen eine Geschichte, verleihen den Flüchtlingen eine Stimme. »Viele der Stimmlosen erzählen eigentlich die ganze Zeit. Sie sind laut, wenn du ihnen nur nah genug kommst, um sie zu hören, wenn du fähig bist zuzuhören und wenn du das spürst, was du nicht hören kannst«,23 sagt der Schriftsteller Viet Thanh Nguyen über die Flüchtlinge, zu denen auch er gehört. Es kann jeden treffen, deshalb gehen die Geschichten von Flucht und Vertreibung alle an.

Quellen:
19 Auf diesen Punkt wie die Frage von Kontextualisierungen weist Michael Schwartz hin. Ders.: »Ethnische ›Säuberungen‹ in der Moderne. Globale Wechselwirkungen einer Politik der Gewalt«, in: Comparativ. Zeitschrift für Globalgeschichte und Vergleichende Gesellschaftsforschung 26 (2016), Heft 1, S. 28–48, hier S. 30/31.
20 Olga Tokarczuk: »Eine Freske menschlicher Schicksale«, Vorwort in: Helga Hirsch: Schweres Gepäck. Flucht und Vertreibung als Lebensthema, Hamburg 2004, S. 7–10, hier S. 8/9.
22 Siehe der frühe europäische Vergleich von Götz Aly: »Das Jahrhundert der Vertreibung. Plädoyer für die Überwindung der geteilten Optik«, in: Haus der Heimat des Landes Baden-Württemberg (Hg.): Angekommen! – Angenommen?, Filderstadt 1996, S. 9–19, hier S. 11 und S. 18.
23 Viet Thanh Nguyen: »Introduction«, in: Viet Thanh Nguyen (Hg.): The Displaced. Refugee Writers on Refugee Lives, New York 2018, S. 11–22, hier S. 20.


Stifter

Stiftung Buchkultur und Leseförderung

Förderer

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