Maos langer Schatten -

Maos langer Schatten

Chinas Umgang mit der Vergangenheit

Daniel Leese

© privat

Verlag

C.H.Beck

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Über das Buch

Wie kann sich eine Diktatur mit dem Erbe von Unrecht und Staatsverbrechen auseinandersetzen, die unter ihrer Herrschaft begangen wurden? Mit dieser Frage sah sich die Kommunistische Partei Chinas nach dem Tod Mao Zedongs im Jahr 1976 konfrontiert. Gestützt auf bislang unbekannte Dokumente entwirft Daniel Leese ein Panorama der chinesischen Politik und Gesellschaft in der kritischen Umbruchphase zwischen 1976 und 1987.

Jury­begründung

In großen historischen Umbruchssituationen werden Recht und Unrecht neu definiert, die Rollen von Täter*innen und Opfern neu verteilt. Daniel Leese beschreibt das Jahrzehnt nach Maos Tod als Gratwanderung zwischen juristischer Aufarbeitung, Reparation und erneuter Repression. Am Sonderfall Chinas behandelt er große, zeitlose Fragen des Umgangs mit historischer Schuld, die an Aktualität nichts verloren haben. Das Buch ist ebenso anschaulich wie scharfsinnig, akribisch wie souverän - eine historiographische Meisterleistung.

Daniel Leese

Daniel Leese lehrt Sinologie mit dem Schwerpunkt „Geschichte und Politik des Modernen China“ an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg.

Buch und Autor im Porträt

Daniel Leese im Deutschlandfunk

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Veranstaltungen

Live-Sendung: Die Nominierten
Literaturhaus Frankfurt, am 1. Juni 2021, 19:30 Uhr

Hier kommen alle zusammen: Die nominierten Autor*innen in Gesprächen mit David Ahlf, Fridtjof Küchemann, Alf Mentzer, Cécile Schortmann und Gert Scobel.

Fotogalerie

Deutscher Sachbuchpreis: die Matinée
Humboldt Forum, am 13. Juni 2021, 11 Uhr

Die Nominierten im Gespräch mit Shelly Kupferberg, Hadnet Tesfai und Jörg Thadeusz.

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Lese­probe


Am Morgen des 9. September 1976 kündigte das chinesische Staatsradio für vier Uhr nachmittags eine wichtige Meldung an. Für die chinesischen Hörer konnte wenig Zweifel daran bestehen, dass die Nachricht den Gesundheitszustand des langjährigen Vorsitzenden der Kommunistischen Partei Chinas Mao Zedong betreffen würde. Spekulationen über dessen mögliches Ableben waren in den Monaten zuvor als konterrevolutionäres Verbrechen geahndet worden. Dennoch ließ die spärliche Anzahl aktueller Pressefotos, zuletzt Ende Mai bei einem Treffen mit dem pakistanischen Premierminister Zulfikar Ali Bhutto, erahnen, dass der körperliche Verfall des «Großen Vorsitzenden» unerbittlich voranschritt, ungeachtet der allgegenwärtigen Huldigungsadressen, die ihm Unsterblichkeit attestierten. Infolge seiner zahlreichen Erkrankungen, insbesondere an amyotropher Lateralsklerose, einer mit dem Verlust der Kontrollfunktionen über Sprache und motorische Fähigkeiten einhergehenden Nervenkrankheit, waren öffentliche Auftritte Mao Zedongs selten geworden. Sein Bild aber blieb allgegenwärtig und Zitate aus seinen Schriften dominierten den öffentlichen Diskurs, auch wenn sich der Führerkult seit der Hochphase der Großen Proletarischen Kulturrevolution deutlich abgekühlt hatte.

Die Radiomeldung war kurz gehalten. Es wurde verlautbart, dass Mao Zedong trotz bester medizinischer Versorgung um zehn Minuten nach Mitternacht gestorben sei. Der Hinweis auf die ärztlichen Leistungen sollte Verschwörungstheorien unterbinden, wie sie Stalin in den letzten beiden Jahren vor seinem Tod hatte verbreiten lassen, als er gezielt in Umlauf bringen ließ, jüdische Mediziner hätten im Rahmen eines «Ärztekomplotts» sowjetischen Führern nach dem Leben getrachtet. Die Verlautbarung betonte die herausragende Führungsrolle Mao Zedongs, die er als größter Marxist der Gegenwart für Partei, Armee und Nation, aber auch für die internationale kommunistische Bewegung und den Kampf gegen imperialistische Unterdrückung gespielt habe. Es gelte, die Erfolge der Kulturrevolution zu verteidigen und den Kampf gegen revisionistische Kräfte fortzusetzen. Der Parteivorsitzende und Übervater der Kommunistischen Partei Chinas war tot. Die Bewahrung seines ideologischen Erbes aber sollte auch in Zukunft sicherstellen, dass die Volksrepublik China nicht «die Farbe wechsele» und die sozialistische Revolution verrate. Mao Zedong selbst hatte in seinem letzten Lebensjahrzehnt eine solche Entwicklung durchaus für möglich gehalten. Bereits im Juli 1966 hatte er in einem Brief an seine Frau Jiang Qing gemutmaßt, dass reaktionäre Kräfte nach seinem Tod die Oberhand gewinnen könnten. «Wenn China von einem antikommunistischen Staatsstreich der Rechten überrascht werden sollte, so kann ich mit Bestimmtheit voraussagen, dass sie keine Ruhe haben würden.» Progressive gesellschaftliche Strömungen würden, gestützt auf sein Schriftgut, Widerstand leisten und damit die Dialektik des Kampfes zwischen Revolution und Konterrevolution bis in alle Ewigkeit fortschreiben. An das Erreichen eines friedlichen kommunistischen Endstadiums der Geschichte glaubte der greise Diktator nicht mehr.

Die gesellschaftlichen Reaktionen auf Mao Zedongs Tod waren facettenreich. Hunderte Millionen Menschen nahmen an den obligatorischen Trauerfeiern teil, die eilends in jeder Arbeitseinheit und Volkskommune des Landes organisiert wurden. Die wenigen ausländischen Journalisten beobachteten aber auch Beispiele spontaner Trauerbekundung. So berichtete die New York Times von rund 2000 Personen, die sich unmittelbar nach der Radiomitteilung mit schwarzen Trauerarmbändern auf dem Platz des Himmlischen Friedens versammelt hätten. Gerichtsakten aus der Hauptstadt Beijing machten jedoch auch zahlreiche Fälle aktenkundig, in denen das Ableben des Parteivorsitzenden mit weniger Bestürzung aufgenommen worden war. So hatten zwei Männer mittleren Alters die Todesmeldung zu Hause mit hochprozentigem Hirseschnaps und Hochrufen «Lange verrotte der Große Vorsitzende!» gefeiert. Nachdem Nachbarn den Vorfall der örtlichen Polizeidienststelle zur Kenntnis gebracht hatten, wurden die beiden verhaftet und Anfang Februar 1978 vom lokalen Bezirksgericht zu einer Todesstrafe mit zweijährigem Aufschub respektive zu lebenslanger Haft verurteilt. Das Gericht sah es als erwiesen an, dass sie das Ansehen des Sozialismus auf das Schändlichste befleckt hätten. Es sollte nicht einmal zwölf Monate dauern, bis dasselbe Gericht die Urteile revidierte und eine vollständige Rehabilitierung aussprach. Nunmehr wurde argumentiert, das Verhalten der Angeklagten sei zwar kritikwürdig, stelle aber keine Straftat dar. Folglich wurde das ursprüngliche Urteil aufgehoben und während der Haftzeit entgangene Lohnleistungen wurden nachträglich ausgezahlt. Wie auch im Fall anderer Krisenereignisse, etwa nach dem desaströsen Erdbeben in der nordchinesischen Stadt Tangshan Ende Juli 1976 mit rund einer Viertelmillion Toten, reagierten die chinesischen Behörden zunächst mit maximaler Härte auf abweichende Ansichten oder Gerüchte. Nach dem Tod Mao Zedongs hatten die Polizeibehörden und Gerichte daher alle Hände voll zu tun.


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